Wie jedes Jahr begegnen 1,7 Milliarden Muslime weltweit den Fastenmonat Ramadan, so auch hier in Deutschland, wo nach offiziellen Angaben knapp 5 Millionen Muslime leben.

Es ist zu einer traurigen Realität geworden, dass die Muslime und ihre Religion zunehmend für Stimmenfang und Bauernfängerei missbraucht werden. Nach der Kopftuchdebatte im letzten Jahr folgt nun dieses Jahr eine weitere Hetzkampagne gegen sie unter dem Deckmantel des Kinderschutzes. Die selbsternannten Kinderschützer nutzen die Gunst der Stunde und führen mit haltlosen Vorwürfen, Tatsachenverdrehungen und Verleumdungen eine neue Kampagne.

Dass sie dabei eine ganze Religionsgemeinschaft in Sippenhaft nehmen und in der Mehrheitsgesellschaft den Eindruck erwecken, dass muslimische Eltern keine guten Eltern seien, nehmen sie dabei billigend in Kauf. Nebenbei wird der Islam als eine menschenverachtende und gefährliche Religion diffamiert.

Den Anfang machte dabei die Familienministerin (noch Dr.) [1] Franziska Giffey (SPD) mit ihrer Aussage „Kinder müssen regelmäßig trinken und essen, sonst können sie nicht aufmerksam sein, lernen und sich gesund entwickeln. Das gilt generell und natürlich auch im Ramadan“[2].

Die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) witterte die Gelegenheit und forderte prompt, dass das erzwungene Fasten von Kindern als ein neuer Strafbestand sanktioniert und bestraft werden soll.

Ohne auf die Einzelheiten der Fastenregeln im Islam, die hinlänglich bekannt sind, näher einzugehen, müssen wir zunächst einmal zwei Tatsachen festhalten:

  1. Die Verletzung der elterlichen Fürsorge an sich ist schon strafbar, worunter auch ein Zwang zum Fasten fallen würde. Siehe Strafgesetzbuch (StGB) § 171 Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Es braucht also kein neues „Fastenzwangsverbotsgesetz“.
  • Einen Zwang zum Fasten kann es weder theoretisch, noch praktisch geben, da dies eine minutiöse Kontrolle der gezwungenen Person erfordern würde, was eigentlich nur unter einer Gefängnisstrafe durchzusetzen wäre. Selbst im Gefängnis könnte ein Häftling heimlich auf der Toilette einen Schluck Wasser zu sich nehmen und sich somit dem Fastenzwang entziehen. Es kann nur einen Zwang zum Fastenbrechen geben, aber keinen Zwang zum Fasten. So geschieht es seit Jahren, dass China die muslimische Minderheit der Uiguren dazu zwingt, während des Ramadan Wasser zu trinken, um ein generelles Fastenverbot durchzusetzen.[3] Mittlerweile haben ähnliche Zustände in deutschen Schulen Einzug gefunden.

Anhand der oben aufgeführten Punkte ist klar ersichtlich, dass die Forderung der Justizministerin Hessens nichts weiter als Populismus und Stimmungsmache bar jeglicher Grundlage ist. Sie richtet einen enormen gesellschaftlichen Schaden an, der das friedliche Zusammenleben der Muslime mit der Mehrheitsgesellschaft in Gefahr bringt. Es gibt bereits Meldungen, dass in deutschen Schulen Kinder dazu gezwungen wurden, vor versammelter Klasse ihr Fasten zu brechen. Diese vorauseilende Gehorsamkeit einiger Lehrerinnen und Lehrer sind ein klarer Beleg dafür, dass alleine diese sinnlose Diskussion dazu geführt hat, dass der Schulfrieden gestört, Kinder verunsichert und das Verhältnis von Lehrkräften und Eltern massiv negativ beeinflusst wurden. Hierzu hat bereits der Islamrat Deutschland eine Presseerklärung herausgegeben, die uns alle aufhorchen lassen sollte.[4]

Ihre Forderung beruht also nicht auf Tatsachen, sondern auf rein subjektivem Empfinden, das von Vorurteilen und Ressentiments dominiert ist.

Das gemeinsame Fastenbrechen ist ein Höhepunkt an jedem Abend des Ramadan, dem auch Kinder und Jugendliche beiwohnen. In dieser liebevollen und warmen Atmosphäre ist es nur natürlich, dass auch Kinder mitfasten wollen. Es ist uns ebenfalls kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Kind gezwungen wurde, am Fasten teilzunehmen. Ganz im Gegenteil, viele Eltern können ihre Kinder nicht vom Fasten abbringen und müssen teilweise neue Fastenformen für Kinder erfinden, damit die Kinder nicht den ganzen Tag durchhalten müssen. So gibt es den Begriff des „Kus orucu“, was so gut wie Vogelfasten bedeutet und für Kinder gedacht ist, damit sie das Gefühl haben, mitgefastet zu haben, obwohl sie bereits zu Mittag wieder essen und trinken.

Wir als Muslimische Ärzte Deutschland e.V. rufen die Familienministerin dazu auf, die wahren Probleme in der Gesellschaft, nämlich die extrem hohe Zahl an sexuellen Übergriffen auf Kinder[5] und die zunehmende Kinderarmut[6], um nur zwei zu benennen, in Angriff zu nehmen anstatt eine ganze Religionsgemeinschaft zu denunzieren. Wer ein ernstes Interesse daran hat, die Leistung der Schüler in der Schule sicherzustellen und ihre Gesundheit nicht aufs Spiel zu setzen, sollte damit anfangen, wissenschaftlich fundierte Tatsachen umzusetzen, anstatt neue Problemfelder zu generieren, um daraus politisches Kapital zu schlagen. So wurde bereits in mehreren Studien festgestellt, dass ein früher Schulbeginn, also vor 8 Uhr, die Gesundheit von Kindern gefährde und stattdessen der Schulanfang auf 9 Uhr festgelegt werden soll. [7] Das wäre nämlich ein ernstgemeinter und sinnvoller Ansatz, um die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler sicherzustellen.

Wir fordern von der hessischen Justizministerin, sich öffentlich für ihre Äußerungen zu entschuldigen, ihre hetzerische Kampagne sofort zu beenden und ihre Eignung für das Amt als Justizministerin ernsthaft zu überdenken. Nur so kann sie verhindern, dass der von ihr angerichtete gesellschaftliche Schaden, sich nicht noch weiter verschärft.

MusAeD e.V.

11.05.2019

Die Pressemitteilung als PDF runterladen:


[1] https://www.tagesspiegel.de/wissen/plagiatsvorwuerfe-gegen-giffey-was-nicht-korrekt-ist/24306556.html

[2] https://www.welt.de/politik/deutschland/article192855973/Franziska-Giffey-SPD-wendet-sich-gegen-strenge-Ramadan-Regeln-fuer-Schulkinder.html

[3] http://www.taz.de/!5205840/

[4] https://www.islamrat.de/presseerklaerung-schulen-duerfen-schuelern-das-fasten-nicht-verbieten/

[5] https://www.hilfeportal-missbrauch.de/informationen/uebersicht-sexueller-missbrauch/zahlen-und-fakten.html: Demnach werden etwa alle 45 Minuten in Deutschland ein sexueller Delikt an Kindern verübt, der zur Anzeige gebracht wird, die Dunkelziffer liegt vermutlich weitaus höher.

[6] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2017/oktober/kinderarmut-ist-in-deutschland-oft-ein-dauerzustand/: Demnach leben etwa 21 Prozent der Kinder in Deutschland dauerhaft oder wiederkehrend in Armut.

[7] http://www.gruene-offenburg.de/2014/02/06/den-schultag-spaeter-starten-wissenschaftlicher-anhang/