In den letzten Tagen wurde medienwirksam über die Aktion von TERRE DES FEMMES e.V. berichtet, welches ein allgemeines Kopftuchverbot für Mädchen unter 18 Jahren und vor allem an öffentlichen Bildungsinstituten fordert. Unter anderem argumentieren die Initiatoren damit, dass das islamische Kopftuch „… eine geschlechtsspezifische Diskriminierung und eine gesundheitliche (psychische und körperliche) Gefahr dar“ stelle.

Mädchen sollen frei sein unter anderem von „Gesundheitsrisiken durch Licht- und damit Vitamin D-Mangel“

Wir sind erschrocken darüber, dass TERRE DES FEMMES e.V. für seine islamfeindliche Kampagne mit prominenten Kollegen wirbt. An erster Stelle werden Dr. med. Thomas Fischbach samt seiner Position als Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. und Dr. med. Christian Albring samt seiner Position als Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. aufgeführt. Sie werden dazu instrumentalisiert, dieser emotional geführten Hetzkampagne eine medizinische Scheinlegitimation zu verleihen.[1]

Die beiden Kollegen haben mit ihrer Unterschrift bei einer gesellschaftlich polarisierenden Debatte Stellung bezogen und sich auf die Seite der Islamgegner und somit auch auf die Seite der Rechtspopulisten gestellt. Die Verbände, die sie als Präsidenten vertreten, beherbergen jeweils mehr als 12.000 Ärzte und somit fast alle Fachärzte des jeweiligen Fachbereiches in Deutschland. Somit ist es legitim zu hinterfragen, mit welchem Recht sie sich anmaßen, im Namen fast aller Kinder- und Jugendärzte sowie Frauenärzte in Deutschland diese islamfeindliche Petition zu unterstützen.

Dabei ist es offensichtlich, dass die von der feministischen Organisation ins Leben gerufene antimuslimische Kampagne sich nicht für einen Gesundheitswert einsetzt. Die Kopftuchverbotsdebatte begann nämlich nicht mit der Argumentation der Gesundheitsgefährdung durch Vitamin-D-Mangel. Vielmehr ist dieses neue Scheinargument ein verzweifelter Versuch von dubiosen Persönlichkeiten, die mit ihrer Islamhetze ihren Lebensunterhalt verdienen, ihrer Popularität im Rahmen der bereits vergifteten antimuslimischen Atmosphäre Auftrieb zu gewähren. Da ihnen die sachlichen und belegbaren Argumente ausgegangen sind, bedienen sie sich nun dieser hinterlistigen Vorgehensweise.

Ja, der Mangel an Licht und somit der Vitamin-D-Mangel ist ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland, vor allem deshalb, weil es in unseren Breitengraden an effektiver Sonnenstrahlung mangelt. Keinesfalls jedoch darf dieses Problem auf muslimische Mädchen oder Frauen mit Kopftuch begrenzt werden oder dazu missbraucht werden, antimuslimische Ressentiments zu bedienen. Denn tatsächlich herrscht in der gesamtdeutschen Bevölkerung ein nicht ausreichend behandelter Vitamin-D Mangel mit all seinen gesundheitlichen Konsequenzen für die Gesamtbevölkerung.[2]

Die Positionierung der beiden Kollegen ist somit nicht nur unwissenschaftlich, sondern zugleich verantwortungslos und beschämend.

Wollen die Kollegen tatsächlich den Vitamin-D-Mangel durch die Entblößung der muslimischen Mädchen bekämpfen? Sind die Kollegen tatsächlich der Überzeugung, dass in einem deutschen Klassenzimmer ein Mädchen ohne Kopftuch mehr von der Sonnenstrahlung profitiert, als ein Mädchen mit Kopftuch? Geht es ihnen überhaupt um die konsequente Bekämpfung des Vitamin-D-Mangels? Was ist mit den knapp 7,8 Millionen Beschäftigten in Deutschland[3], die einen Bürojob machen? Wollen sie ihnen etwa mit ihrer Verbotskultur verbieten, während der Mittagszeit in ihren Büroräumen zu verbleiben? Konsequent wäre dies allemal, aber keinesfalls konstruktiv.

Die Petition von TERRE DES FEMMES e.V. ist nicht die richtige Plattform, um komplexe medizinische Problemstellungen anzugehen.

Wir als muslimische Ärzte Deutschland (MusAeD®) bezweifeln, dass unsere Kollegen Herr Dr. med. Thomas Fischbach und Herr Dr. med. Christian Albring über die Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sind und fordern sie hiermit auf, ihre Unterstützung für die Petition für das Kopftuchverbot zurückzunehmen. Wir rufen sie zudem dazu auf, konstruktive Vorschläge für die Bekämpfung des Vitamin-D-Mangels in der Gesamtbevölkerung vorzulegen, anstatt diese medizinische Herausforderung auf das islamische Kopftuch zu reduzieren und somit zu relativieren. Insbesondere ermahnen wir sie, ihre Verantwortung als Ärzte ernst zu nehmen und der Polarisierung in der Gesellschaft entgegen zu wirken. Die Unterstützung einer islamfeindlichen Petition bewirkt nämlich genau das Gegenteil.

Die Mitglieder der genannten Berufsverbände rufen wir dazu auf, Farbe zu bekennen und die verantwortungslose und beschämende Positionierung ihrer Präsidenten nicht stillschweigend hinzunehmen.

Fußnoten

[1] https://www.frauenrechte.de/online/themen-und-aktionen/gleichberechtigung-und-integration/kinderkopftuch/3338-terre-des-femmes-unterschriftenaktion-den-kopf-frei-haben#weitere-unterstuetzerinnen-des-oeffentlichen-lebens

[2] Vitamin D status and health correlates among German adults, B Hintzpeter, G B M Mensink, W Thierfelder, M J Müller & C Scheidt-Nave, European Journal of Clinical Nutrition volume 62, pages 1079–1089 (2008)

[3] https://www.arbeitsschutz-portal.de/beitrag/asp_news/6449/zahl-der-bueroarbeiter-steigt–noch.html